
»Wer bist du, wenn alle Rollen
wegbrechen? Wenn alle Masken
verschwunden sind?«
»Ich ... weiß es nicht.
Eine Rohfassung?«
Art: Kalisdice
Cover: Schattmaier Design

Kapitel 1 und 2
Aliza
1
»Findest du das blaue Kleid besser?« Vor meine Brust halte ich das knieumspielende Kleidungsstück aus weichfließendem Stoff, drehe mich mit dem Smartphone in der Hand um, hänge es seitlich an den Spiegel und greife nach einem anderen. »Oder das schwarze?«
Das zweite Kleid ist aus feinster Merinowolle. Ich habe es noch nicht getragen, doch ich liebe es! Santa hat es mir vor drei Tagen unter den Weihnachtsbaum gelegt und ich kann kaum erwarten, es mit süßen, gefleckten Strumpfhosen und meinen Uggs zu kombinieren.
»Welchen Zweck soll dein Outfit denn erfüllen?«
Ruby schmunzelt vielsagend.
Ich lasse das zweite Kleid sinken und erwidere den Blick meiner Freundin, die im Moment viel zu weit weg ist.
Während ich in meinem Kinderzimmer in West Salem, Oregon meinen Schrank durchwühle, sind meine Freunde Ruby und Braxton bei Rubys Familie in Rochester, Minnesota. Ich wünschte, sie wäre hier. Wofür habe ich eine Freundin, die Modedesign als Hauptfach belegt hat, wenn sie mich nicht beim Zusammenstellen des heutigen Outfits unterstützt?
Meine Wangen fühlen sich warm an, mein Bauch flattert. »Nun ja …«
Ruby kichert. »Wenn du TC sofort ins Bett zerren willst, solltest du den schwarzen Rock und die bordeauxrote Bluse wählen. Du weißt schon, die mit den winzigen Perlenknöpfen und den angeschnittenen Ärmeln. Hast du sie zufällig eingepackt?« Sie hält inne und als ich nicke, redet sie weiter. »Leg die goldenen, kleinen Creolen an, die er dir vergangenes Jahr zu Weihnachten geschenkt hat. Dazu kombinierst du ein paar feine Armbänder und diese schwarzen Stiefeletten, die du am Black Friday ergattert hast.«
Erneut nicke ich und ihre Miene wird weich, so, als würde sie etwas sehen, was mir noch nicht klar ist.
»Falls du nur einen schönen, romantischen Abend mit deinem Freund verbringen möchtest und, wenn überhaupt, erst zu Hause ausgepackt werden willst, solltest du das schwarze Strickkleid anziehen. Es ist so du, Aliza! Schick mir ein Foto, okay? Damit ich sehe, wie du aussiehst.«
»Und wo bleiben die Tipps, was ich dazu kombinieren könnte?«
Rubys Mundwinkeln bewegen sich nach oben. Mit der Fingerspitze schiebt sie die Brille, die viel zu groß für ihre Nase wirkt, ein Stück hinauf. In ihre hellbraunen Augen hat sich Verwirrung geschlichen. »Hast du nicht zugehört? Ich habe gesagt, das Kleid ist so Aliza. Du brauchst hier weder Tipps noch Accessoires, denn du bist perfekt, wie du bist!«
Ein Kloß in meiner Kehle erschwert mir das Schlucken. Was ist die letzten Tage über mit mir los? Warum auch immer, bin ich schrecklich sentimental. Oder melancholisch? Manchmal fühlt sich das eine wie das andere an.
Die Weihnachtsferien habe ich dieses Jahr herbeigesehnt. Endlich ein paar freie Tage, endlich ein wenig Zeit mit TC! Seit Thanksgiving habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ich habe ihn vermisst. Zugegeben, nicht so sehr, wie ich ihn hätte vermissen sollen, aber nach fünf Jahren Beziehung ist das vermutlich nicht ungewöhnlich. Im Gegensatz zu mir, die seit einer Woche in Salem sitzt, ist TC erst heute nach Hause gekommen. Seine Familie hat die Feiertage in Aspen verbracht, dort besitzen seine Großeltern ein Ferienhaus.
Dieses Wiedersehen möchte TC feiern. Er führt mich in ein edles Restaurant in der Innenstadt aus.
»Danke, Ruby«, hauche ich, durcheinander von den tosenden Gefühlen in mir.
Sie legt den Kopf schief und fragt mit deutlichem Zögern in der Stimme: »Geht es dir gut?«
»Ja, mir geht’s gut. Ich bin nur aufgeregt, denke ich.« Ein weiteres Mal nicke ich, als wolle ich mich selbst davon überzeugen, schlucke, atme tief durch und öffne den Mund. Doch bevor ich meiner Freundin mein Herz ausschütte, klappe ich ihn wieder zu. Auch wenn Braxton gerade nicht neben Ruby sitzt, er kann nicht weit entfernt sein. Und das, was mir auf den Magen schlägt, möchte ich nicht vor ihm offenbaren.
Braxton und Milo, der ebenfalls mit uns in Portland studiert, sind meine ältesten Freunde. Konstanten in meinem Leben. Brax und Milo sind Best Buddys – was Brax weiß, weiß Milo auch bald. Milo ist wie ich daheim, er wohnt nur einen Katzensprung entfernt, und ich möchte nicht, dass er morgen vor meiner Tür steht und darauf pocht, Neuigkeiten zu erfahren.
Ich bezweifle, dass es Neuigkeiten geben wird.
Meine Mom ist da anderer Meinung. TC’s Mom übrigens auch …
»Liz, alles okay bei dir?«
Mir auf die Lippe beißend, nicke ich erneut und frage mich, ob ich noch etwas anderes als nicken kann. »Versprochen. Ich bin nur nervös.«
Aus Gründen, die ich Ruby nicht auf die Nase binden werde. Wieso sollte ich meine Freunde verrückt machen? Es reicht, dass meine Mutter mich mit ihren Vermutungen in den Wahnsinn treibt, oder?
Was ist, wenn er dir wirklich einen Ring an den Finger stecken will?, flüstert eine leise Stimme in meinem Hinterkopf. Ich schüttle den Kopf, als könnte ich sie tatsächlich aus meinem System vertreiben, ignoriere die Gänsehaut in meinem Nacken und schenke Ruby das aufrichtigste Lächeln, das ich zustande bringe. »Ich werde das schwarze Kleid anziehen.«
Sie strahlt. »Gute Wahl.«
»Was habt ihr heute noch vor?«, frage ich, um von mir abzulenken. Ja, ich handle nicht uneigennützig. Ich möchte vermeiden, versehentlich doch noch mit »Ich befürchte, TC will mich fragen, ob ich seine Frau werde!« herauszuplatzen.
Ruby legt den Kopf schief, zuckt die Schultern. »Nichts Besonderes. Sean und Braxton sind losgezogen, wir haben etwas vom Inder bestellt. Sobald sie wieder da sind, werden wir uns vor den Fernseher setzen.«
»Klingt trotzdem nach einem tollen Abend. Ich wünsche euch viel Spaß. Grüß Brax von mir!«
»Mach ich. Habt auch Spaß!« Sie winkt und wirft mir eine Kusshand zu.
Nachdem ich aufgelegt habe, setze ich mich aufs Bett, lasse das Smartphone in den Schoß sinken und betrachte mein Spiegelbild. Das schwarze Haar spielt in leichten Wellen um mein Kinn, mein Gesicht ist blass und in meinen braunen Augen liegt ein Hauch von Panik. Beruhig dich. Ich atme hörbar ein und aus, werfe das Handy auf die Matratze und erhebe mich. TC ist immer überpünktlich, in spätestens zehn Minuten wird er vor der Tür stehen.
2
Eineinhalb Stunden später sitzen TC und ich an einem kleinen Tisch im Le Roux, einem der schicksten Restaurants der Stadt. Mom war völlig aus dem Häuschen, als sie erfahren hat, wo TC für uns reserviert hat. Während er mir in den Mantel half, stand meine Mutter mit verdächtig glänzenden Augen und vor die Brust gedrückten Händen in der Küchentür, zwinkerte mir zu und wünschte uns einen wundervollen Abend. Wenn ich nur an den hoffnungsvollen Ausdruck auf ihrem Gesicht denke, dreht sich mir der Magen um.
Chansons erklingen dezent im Hintergrund, die Deckenlichter sind gedämpft, die Gäste unterhalten sich leise miteinander. Kerzen brennen auf den Tischen, die in weiße, bis zum Boden reichende Tücher gehüllt sind. Das Besteck ist akkurat angerichtet, Kristallgläser mit kalifornischem Wein und Wasser glänzen im sanften Licht. Eine Kellnerin reicht uns soeben die Dessertkarte.
»War bisher alles zu Ihrer Zufriedenheit?«, erkundigt sie sich.
TC nickt, sieht sie nicht einmal an.
Sein Verhalten stört mich, vermutlich mehr, als es sollte. Seit ich selbst im Gastronomiebereich jobbe, bemühe ich mich, ein noch freundlicherer Gast zu sein. Er scheint nicht zu bemerken, wie unhöflich er ist. Möglicherweise reagiere ich einfach über und nehme jede Kleinigkeit zu intensiv wahr, weil ich aufgeregt bin.
»Ja, vielen Dank«, beantworte ich die Frage und schaue ihr dabei in die Augen. »Das Essen war köstlich.«
Ich glaube, sowohl Entree als auch Plat Principal waren vorzüglich, aber da sich mein Magen verknotet hat, habe ich den Geschmack und die Konsistenz der Speisen kaum wahrgenommen. Ein Glück, dass der Hauptgang mit einem Stückchen Steak, acht Erbsen, drei Karottenschnitzen und einem Tüpfelchen Soßenschaum überschaubar war.
Meine Finger sind klamm, mein Nacken spannt und der String reibt unangenehm, als befände sich statt Spitze ein Stück Zahnseide zwischen meinen Pobacken. Verstohlen rutsche ich auf dem Stuhl hin und her, doch das Ziehen verschwindet nicht. Vermutlich bin ich inzwischen wund. Bye, bye, sexy Look.
TC zerrt am Knoten seiner Krawatte und nippt am Rotwein. Ein leichter Schweißfilm hat sich auf seiner Stirn gebildet, er runzelt sie und studiert die Karte, als wäre sie eins seiner Juralehrbücher und nicht voll mit Köstlichkeiten, die einen zum Seufzen bringen.
Zum wiederholten Mal streife ich über den weichen Stoff des Kleides, aber die Nervosität weicht nicht aus meinen Zellen.
Das hier fühlt sich nicht nach einem gewöhnlichen, romantischen Date an.
Danke, Mom!
Hätte sie vorgestern nicht mit diesem Unsinn angefangen, könnte ich diesen Abend womöglich tatsächlich genießen. Ich habe mich aufrichtig gefreut! Auf gutes Essen, gute Gesellschaft, ein gutes Gespräch. Und zugegeben auch auf Sex. Guten Sex, der bitte nicht bereits nach vier Minuten um ist.
Ich seufze lautlos.
Ich vermisse Sex.
Unser letztes Mal ist Monate her.
Und bisher ist der Abend alles andere als gut. Eher mittelprächtig.
TC zupft am Ärmel seines sicher maßgeschneiderten Hemdes, schluckt und räuspert sich. »Hast du dich für ein Dessert entschieden?«
Bei seiner Frage sieht er mir nicht in die Augen.
Ich bin versucht zu sagen, dass ich lieber nach Hause will, doch ich stocke und betrachte ihn genauer. Das braune, perfekt gegelte Haar, die senkrechte Falte zwischen seinen Brauen, die gerade Nase, sein schöner Mund, um den sich ein harter Zug geschlichen hat. TC ist manchmal grüblerisch, aber mir gegenüber nie so in sich gekehrt.
Möglicherweise hat seine Mom ihn ebenso verrückt gemacht, wie mich meine!
Er ist bestimmt nur so hyperangespannt, weil er annimmt, dass ich eine gewisse Erwartungshaltung haben könnte.
Inzwischen hat sein Gesicht einen leicht grünlichen, sehr ungesunden Ton angenommen – das könnte aber auch schlicht an den miesen Lichtverhältnissen und meiner blühenden Phantasie liegen. TC sieht aus, als würde er gleich auf seine Schuhe kotzen.
Ein Schweißtropfen rinnt zwischen meinen Brüsten gen Süden, mein Herzschlag hat sich in den Flügelschlag eines Kolibris verwandelt.
Was ist, wenn TC tatsächlich die Fragen aller Fragen stellt? Ich habe immer noch keinen Schimmer, ob ich Ja sagen möchte.
Wir sind seit fünf Jahren zusammen, unsere Eltern stehen sich nahe. Ich kenne TC, seit ich zwölf bin, und genauso lang liebe ich ihn.
Jetzt ist mir auch übel.
Ich lehne mich ein Stück nach vorn, lege meine Hand auf seine und streichle darüber. Es ist Zeit, uns beiden ein bisschen von dem Druck zu nehmen. Bei der Berührung schaut er auf, seine blauen Augen vor Überraschung geweitet.
»Hey, was hast du auf dem Herzen?«, flüstere ich.
Egal, was er loswerden will, er soll sich dabei so wohl wie möglich fühlen.
Er holt Luft und dreht seine Hand, um unsere Finger miteinander zu verschränken. Seine zittern leicht und ich drücke fester zu – um mich zu erden oder ihn zu beruhigen, weiß ich nicht.
»Aliza, ich …«
Mit seiner freien Hand greift er in seine Hosentasche und, ich schwöre, für den Bruchteil einer Sekunde wird mir schwarz vor Augen. Mein Brustkorb verschnürt sich, der Atem verhakt sich in meinen Lungenflügeln. Panik kreist um mich wie Todesser um Harry Potter.
Oh, du lieber Gott!
»TC, ich weiß nicht, ob das …« Meine Stimme überschlägt sich und meine Nägel graben sich so tief in seine Haut, dass er aufstöhnt.
»Liz, verdammt! Es tut mir leid, okay! Aber es ist bestimmt besser für uns beide.«
Schlagartig lockert sich mein Todesgriff, die Todesser verlieren sich im Nichts. Ich starre TC an, nehme ihn wahr, wie er dasitzt und sich mit schmerzverzerrtem Gesicht den Handrücken reibt.
Blinzelnd lehne ich mich vor, suche seinen Blick und senke meine Stimme. »Bitte? Was hast du gerade gesagt?«
Leise stöhnt er auf, sieht zur Seite und raunt: »Ich glaube, es würde uns beiden guttun, eine Pause einzulegen.«
Mein Mund öffnet sich, die Schultern sacken ab, jegliche Spannung weicht aus mir. Ich sinke zurück gegen die weich gepolsterte Lehne des Stuhls und versuche zu begreifen, was hier passiert. Versuche aus dieser Situation schlau zu werden. Aus ihm schlau zu werden.
Wieso schleppt er mich in den nobelsten Schuppen der Stadt, wenn er sich von mir trennen will? Denn sind wir ehrlich: Jeder auf diesem Planeten weiß, was es heißt, eine Pause einzulegen …
Plötzlich ergibt alles Sinn.
Die verpassten Anrufe in den letzten Monaten, die knappen Telefongespräche, die täglichen, fast standardisierten Textnachrichten.
TC hat mich nicht hierher eingeladen, um zu fragen, ob ich mein restliches Leben mit ihm verbringen will. Er hat diesen Ort gewählt, damit ich keine Szene mache, während er mich abserviert.
Arschloch.
»Wie heißt sie?«
»Aliza …«, seufzt er.
»Okay, vielleicht ist die naheliegendste Annahme falsch. Dann sieh mir aber wenigstens ins Gesicht und sag mir, dass es keine andere Frau gibt. Oder keinen anderen Kerl.«
»Bitte, Liz. Mach es uns nicht schwerer als es sein muss.« Nach wie vor meidet er meinen Blick und besitzt dabei die Frechheit, genervt zu klingen.
»Oh. Okay.« Ich nicke mehrmals, heuchle Verständnis. »Natürlich mache ich es uns nicht schwerer, als es sein muss. Was denkst du denn von mir?« Ich greife nach dem Weinglas, nehme einen großen Schluck und setze es so heftig auf dem weißen Tischtuch ab, dass der Rotwein über den Rand des Glases und auf meine Finger schwappt. Die Flüssigkeit hinterlässt einen hässlichen Fleck auf der Tischdecke und rinnt über meine Haut. Egal. »Wieso sollte ich auch überrascht sein, dass der Herr eine Pause braucht, nachdem er fünf Jahre seines Lebens an seine kleine, dumme Freundin verschwendet hat?!«
»Aliza, bitte! Nochmal.« Er greift nach meinen Fingern, doch ich ziehe sie weg. Das bemüht sanfte Lächeln, das er mir schenkt, bringt mich dazu, die Hände in meinem Schoß zu Fäusten zu ballen. »Ich möchte dich nicht verlieren, aber wir sehen uns kaum. Die letzten Jahre waren verdammt hart für uns beide. Wir … sollten freier atmen können. Über den Tellerrand schauen. Wir haben noch ein paar Semester vor uns. Hey, wenn wir dann immer noch denken, wir sind füreinander geschaffen, dann können wir genau hier weitermachen.« Sein Daumen streift über meine Wange und ich bin zu perplex, um mich wegzudrehen. »Lass uns nach Hause fahren und in Ruhe darüber reden.«
»Du willst in Ruhe darüber reden?!«, schrei-flüstere ich, nicht in der Lage, meine Stimme zu dämpfen. Überraschung – ich habe weder Verständnis für seinen Wunsch noch bin ich bereit, mich einem noblen Restaurant entsprechend angemessen zu verhalten.
In der Vergangenheit habe ich mich bemüht zu verstehen, warum er wenig Zeit hat. Wieso er am anderen Ende des Landes studieren muss oder kaum zu Besuch kommt. Aber mit dieser Nummer ist Thomas Cliff Bradford zu weit gegangen!
Ich lehne mich vor, damit er keins meiner folgenden Worte verpasst. »Wir sollen uns ruhig und besonnen wie zwei erwachsene Menschen darüber unterhalten, dass du dich im letzten Collegejahr noch durch die Gegend vögeln willst, ohne deiner Partnerin gegenüber ein schlechtes Gewissen zu haben?«
TC wird blass, seine Kieferlinie verhärtet. Ups. Da scheint jemandem nicht zu gefallen, wie ich reagiere. Pech. Normalerweise reagiert Aliza Miller auch nicht so.
»Aliza! Die Leute starren schon«, ermahnt er mich leise und nestelt an seinem Hemdkragen.
»Oh, tut mir leid. Bringe ich dich etwa in Verlegenheit?« Meine rechte Hand wandert an meine Lippen, meine Augen runden sich und ich sacke gegen den Stuhl zurück. Ich studiere Theaterwissenschaften. Ein bisschen Dramatik muss er mir also zugestehen!
Ich unterdrücke ein Kopfschütteln, schaue mich um und betrachte die anwesenden Gäste. Ein Teil starrt tatsächlich, doch der Großteil interessiert sich null für das Drama, das sich hier abspielt. Links aus dem Augenwinkel erkenne ich ein bekanntes Gesicht: Martin Leeds. Er sieht mich direkt an. Neben ihm sitzt eine blonde, junge, sehr schwangere Frau.
Toll.
Der Abend wird immer besser.
Der Arschloch-Vater meines besten Freundes sitzt in der ersten Reihe, wenn sich ein anderes Arschloch wie seinesgleichen verhält.
Mit einem Seufzen breche ich den Blickkontakt ab und konzentriere mich auf TC.
Er schüttelt sacht den Kopf, kneift sich in die Nasenwurzel und murmelt: »Dein Benehmen ist absolut kindisch.«
Und das ist der Moment, in dem etwas in mir kippt. Für eine Millisekunde spiele ich mit dem Gedanken, nach dem Weinglas zu greifen, doch diese elendigen Flecken möchte ich Agnes ersparen. Schließlich mag ich TCs Mom und es ist beinahe unmöglich, Rotweinflecken wieder vollständig rauszukriegen. Stattdessen greife ich mir mein halbvolles Wasserglas und schütte es in sein dämliches Gesicht.
TC schnappt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, seine Augen fallen ihm fast aus dem Kopf. »Tickst du noch ganz richtig?!«
Mit zitternden Fingern, aber einer Anmut, die mich selbst überrascht, nehme ich die Serviette von meinem Schoß, falte sie ordentlich und lege sie auf dem Tisch ab. Ich trinke den Rotwein in großen Schlucken, denn es wäre zu schade, diesen edlen Tropfen zu verschwenden. Noch einmal schaue ich TC fest in die Augen, nicke ihm zu, stehe auf und streiche mein Kleid glatt. Der weiche Stoff unter meinen Fingerspitzen erdet mich ein wenig. »Viel Spaß beim Rumvögeln. Ich wünsche dir ein schönes Leben.«
Und Genitalherpes, Chlamydien und Syphilis!, füge ich in Gedanken hinzu.
Trotz wackliger Knie durchquere ich mit hoch erhobenem Haupt den Restaurantbereich des Le Roux und ignoriere die Blicke, die mir mit jedem Schritt folgen, so gut es geht. Manche Leute wirken schockiert, ein paar schenken mir ein Lächeln, das besagt, wie toll sie es finden, dass ich dem Kerl Kontra gegeben habe.
»Soll ich Ihnen ein Taxi bestellen, Miss?«, fragt mich ein Servicemitarbeiter leise, während er mir die Tür zum Foyer aufhält.
Ich zwinge einen freundlichen Ausdruck auf mein Gesicht und schüttle den Kopf. »Nicht nötig. Trotzdem vielen Dank für das Angebot.«
An der Garderobe lasse ich mir meinen Mantel aushändigen und verlasse das Lokal. Draußen trete ich zur Seite, lehne mich gegen die Wand und sauge die frische Luft in meine Lunge. Ich atme hörbar aus, schließe die Augen und lasse den Kopf nach hinten sinken.
Ist das gerade wirklich passiert?
Fünf tiefe Atemzüge gestehe ich mir zu, dann krame ich mein Smartphone aus der Handtasche. Soll ich mir ein Uber bestellen? Oder meine Eltern anrufen?
Ich entscheide mich gegen beides, obwohl mein Outfit nicht unbedingt wintertauglich ist. Gerade verfluche ich mich; hätte ich doch meine Uggs statt dieser hohen Hacken angezogen. Zumindest habe ich einen Schal, den ich mir um den Hals und den Kopf schlingen kann, und Handschuhe. Ein Spaziergang nach Hause wird mir helfen, ein bisschen was von diesen hässlichen Gefühlen loszuwerden. Der Weg ist hell erleuchtet und ich bin voll mit Adrenalin – kein Typ wird sich an mich heranwagen. Zumindest rede ich mir das ein, als ich losgehe.
Mit jedem Schritt, den ich mache, wird mir klarer, dass ich nicht … enttäuscht bin, nicht die künftige Mrs. Bradford zu werden. Das, was ich am meisten spüre, ist Wut.
Ich bin sauer, dass TC so eine Show abgezogen hat, um sich leichter aus der Affäre zu ziehen. Warum hat er nicht früher etwas gesagt? In einem anderen Rahmen?
Ich fühle mich vorgeführt.
Bin ich verletzt? Ja, auch.
Es tut weh zu wissen, dass er mich nicht genug liebt, um ein weiteres Jahr durchzuhalten. Noch ein Jahr, dann hätten wir beide unseren Abschluss in der Tasche. Gemeinsam hätten wir eine Entscheidung treffen können, wohin die Reise unseres Lebens führen sollte. Wenn TC mich gefragt hätte, wäre ich ihm überall hin gefolgt. Noch vor dem Ende der Collegezeit. Verdammt, wenn er mich nur ein einziges Mal gebeten hätte, hätte ich alle Hebel in Bewegung gesetzt, um in New Jersey zu studieren! In diesem Bundesstaat gibt es sieben staatliche sowie vierzehn private Colleges und Universitäten! An der Rutgers University, der Montclair State University und der Kean University werden Theaterprogramme angeboten. Okay, sie sind nicht so gut wie die Kurse an der Stufford University, aber ich hätte einen Wechsel in Betracht gezogen. Wenn TC gefragt hätte!
Doch er wollte mich nicht in der Nähe von Princeton und – Überraschung – er will mich auch in Zukunft nicht an seiner Seite haben.
So schräg und erschreckend dieser Gedanke ist: Ich bin stinksauer, dass er mit mir Schluss gemacht hat, obwohl ich seit langem nicht mehr glücklich mit unserer Beziehung gewesen bin. Wieso, zum Teufel, habe ich mich nicht früher von ihm getrennt und bin ihm zuvorgekommen? Müsste ich nicht verletzter sein, wenn das, was ich für ihn empfinde, die große Liebe ist? Oder war?
Zwei Blocks habe ich zurückgelegt, als ein Auto neben mir langsamer wird und das Surren einer herunterfahrenden Scheibe erklingt. Ich starre stur nach vorn, die Arme habe ich fest vor der Brust verschränkt.
»Es tut mir leid. Steig bitte in den Wagen«, sagt TC neben mir.
Er hat gesagt, ich sei kindisch? Gut. Womöglich bin ich das. Also bekommt er das volle Programm.
Ich höre dich nicht.
»Komm schon, Liz. Es ist kalt und wie es aussieht, fängt es gleich wieder an zu regnen.«
Inzwischen spüre ich meine Zehen nicht mehr. Trotzdem weigere ich mich, in die wohlige Wärme seines BMWs zu steigen.
»Aliza …«, mahnt er.
»Lass mich einfach in Ruhe.«
»Es tut mir leid«, wiederholt er und dieses Mal schwingt ehrliches Bedauern in seinem Ton. Er fährt weiter im Schritttempo neben mir her und seufzt. »Du hast recht. Ja, ich habe jemanden in Princeton kennengelernt. Sie ist in zwei meiner rechtswissenschaftlichen Kurse.«
»Hast du mit ihr geschlafen?«
Sein Schweigen ist Antwort genug.
Wow.
Wäre ich nicht so schockiert über die Wendung des Abends, würde ich lachen. Mom wird in Ohnmacht fallen, wenn sie davon erfährt. Nein, das ist das Gegenteil einer Verlobung.
»Aliza, bitte steig ein. Es sind noch fast zwei Meilen bis nach Hause.«
Er hat sich verschätzt; hat gedacht, ich würde das einfach hinnehmen und er könnte diesen Abend als kleines, unangenehmes Intermezzo abhaken. Mich wie ein Gentleman nach Hause fahren, nachdem er mich wie ein Gentleman, der er eben nicht ist, abserviert hat. Wie bereits tausendmal zuvor frage ich mich, ob er mich überhaupt kennt. Ob ich ihn kenne.
Seit uns fast ein Kontinent trennt, haben wir uns verändert. Sicher, jeder geht seinen Weg und dies ist ein natürlicher, notwendiger Prozess. Doch es ist wesentlich leichter, miteinander erwachsen zu werden als nur vom Rand aus zuzusehen.
In den Jahren am College bin ich zumindest ein wenig selbstbewusster geworden. Ich werde mich von Thomas Cliff Bradford nicht wie ein ausgetretenes Paar Pantoffeln in die Tonne werfen lassen!
»Aliza, es tut mir leid. Es hat nichts mit dir zu tun.«
Ernsthaft? Er spielt jetzt auch noch die Es-ist-nicht-deine-Schuld-Karte aus?
»Steck dir deine Entschuldigungen dorthin, wo die Sonne nie scheint«, fauche ich.
Erste Tränen fließen. Tränen der Demütigung, der Wut.
TC fährt weiter schweigend neben mir her, bis wir unsere Straße erreichen, und biegt in die Auffahrt ein, welche zu seiner Garage führt. Natürlich hat er eine eigene Garage für seine zwei Autos …
Mittlerweile schmerzen meine Zähne, weil ich den Kiefer so fest aufeinandergepresst habe, und meine Zehen müssen amputiert werden.
Ich bebe vor Zorn.
Als ich die Verandastufen erklimme, die zu meinem Zuhause führen, folgt TC mir und greift nach meinem Arm.
»Liz, bitte …«
Ich drehe mich zu ihm um, entziehe mich der Berührung und bemerke, dass im Haus gegenüber oben im linken Fenster Licht brennt. Milo ist noch wach.
Die behandschuhten Finger gegen seine Brust drückend, zische ich: »Wage es nicht, mich auch nur anzusehen!«
TCs Gesichtsausdruck versteinert, er wirkt ehrlich getroffen. Leider habe ich im Augenblick nicht die Nerven, mich um seine Befindlichkeiten zu kümmern.
Mit zittrigen Fingern schließe ich die Tür auf, Stille und Dunkelheit heißen mich im Inneren des Hauses willkommen. Wenigstens scheint mir irgendjemand im Universum wohlgesonnen zu sein, weil ich mich meiner Mom und Joseph heute nicht mehr stellen muss.
Ehe ich die Tür schließe, flüstere ich: »Ein schönes Leben, TC.«
Die Tür fällt ins Schloss und es ist, als würde der Vorhang auf der Bühne fallen.
Endlich darf ich die Fassade aufgeben.
Ich sinke gegen das Türblatt, gleite zu Boden und umschlinge meine Knie.
Wie zum Teufel bin ich hier gelandet? Irgendwie komme ich mir vor wie Elle aus dem Film Natürlich Blond, dabei bin ich weder blond, noch hat mich je im Leben jemand für naiv gehalten. Elle wird auch gegen eine Jurastudentin aus gutem Haus ausgetauscht. Diese Tatsache bringt mich zum Lachen, aber selbst in meinen Ohren höre ich, dass es hysterisch klingt.
Stopp.
TC hält mich für ein kleines Dummchen.
Wieso sonst hätte er so eine Show abgezogen?
Ich zerre die High Heels von meinen abgestorbenen Füßen, hieve mich hoch und schleiche die Treppe hinauf. Nachdem ich mich bettfertig gemacht habe, schlüpfe ich bekleidet mit Wollsocken und dem kuscheligsten Pyjama, den ich dabeihabe, unter einen Berg Decken und checke mein Handy.
Ruby hat mir geschrieben. Sie möchte wissen, ob TC und ich einen schönen Abend hatten.
Auf der Innenseite meiner Wange kauend, überlege ich, was ich antworte. Ich möchte meine Freundin nicht anlügen, doch derzeit kann und will ich mit niemandem reden. Außerdem: Wenn ich ihr erzähle, was passiert ist, wird Braxton anrufen. Für mich da sein wollen. Und er wird es Milo verraten und gemeinsam werden sie dann das perfekte Verbrechen planen.
Mein bester Freund hat mir ebenfalls vor zwei Stunden geschrieben.
Milo: Hey hey Liz. Wollen wir miteinander abhängen?
Über die Weihnachtsferien ist Milo auch zu Hause in Salem. Es wäre Balsam für meine Seele, die Straße zu überqueren, unter seine Decke zu krabbeln und mich an seiner Schulter auszuheulen. Dennoch bringe ich es nicht über mich, ihm jetzt unter die Augen zu treten.
Ich schiele zum Fenster hinaus – von hier sehe ich in den Garten der Leeds. Milos Mom, sein jüngerer Bruder und er wohnen direkt gegenüber. Für gewöhnlich, wenn ich mies drauf bin, ist er derjenige, der mich aufmuntert. Er reißt Witze, bringt mich zum Lachen. Isst Popcorn mit mir, sieht gemeinsam mit mir RomComs oder steht mir zuliebe einen Harry-Potter-Marathon durch. Doch heute … würde er wissen, was soeben passiert ist, würde er nur in Socken die Straße runterstürmen, TC aus seinem Haus zerren und ihn mit einem Baseballschläger durch die halbe Stadt jagen. Ich besitze eine blühende Phantasie, doch dieses Szenario ist nicht aus der Luft gegriffen. Seit Milos Eltern verkündet haben, dass sie sich trennen, ist seine Zündschnur äußerst kurz. Also werde ich ihm nichts verraten, bis der Zorn und der Kummer verraucht sind.
Mit offenen Augen starre ich vor mich hin, beobachte die nächtlichen Muster, die der Wind und der Regen an die Wände und die Decke malen. Dicke Tropfen prasseln gegen die Fensterscheibe, perlen daran ab und zeichnen feine Linien, die das Licht der Straßenlaterne brechen. Meine Gedanken stehen nicht still, ich brauche einen Plan.
Bis zum Ende der Ferien werde ich nicht in Salem bleiben.
In zwei Tagen ist Silvester, das neue Jahr steht vor der Tür.
Stumm laufen Tränen aus meinen Augenwinkeln.
Was für ein Scheiß.
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