
Worst Case Szenario in
einem Satz.
Was könnte schlimmstenfalls passieren?
Art: Kalisdice
Cover: Schattmaier Design

Kapitel 1
Braxton
»Spielst du eine Runde Beer-Pong mit?«
Milos Pranke knallt auf meine Schulter, während er mir die Worte ins Ohr brüllt. Ich zucke zusammen. Zu viel Nähe. Zu laut.
»Nein, keine Lust.«
»Komm schon, Brax! Zieh nicht so ein Gesicht!« Nun tätschelt er mich, als wäre ich fünf, und ignoriert geflissentlich meine Reaktion. Ich lasse die Schulter abfallen, damit seine Hand verschwindet. Er soll verschwinden.
»Lass mich in Ruhe mein Bier trinken«, grummle ich.
»Dein Coach hatte einfach einen schlechten Tag«, redet er weiter, als würde meine miese Laune nicht wie in Wellen von mir abstrahlen. »Das darfst du nicht persönlich nehmen. Du kennst ihn doch.«
Coach Brown war, teilweise zu Recht, gereizt beim heutigen Training. Ein paar Neue haben noch nicht kapiert, dass hier nicht geplanscht, sondern knallhart gearbeitet wird. Dagegen haben manche Teammitglieder aus dem zweiten und dritten Jahr den Sport über den Sommer schleifen lassen und pfiffen heute aus dem letzten Loch. Ich habe die vergangenen Monate über trainiert. Offensichtlich war fast täglich nicht ausreichend.
Also angenommen, dein Trainer putzt dich vor versammelter Mannschaft runter, weil du deine Bestzeit nicht annähernd erreicht hast, nachdem er das komplette Team eine Stunde im Wasser drangsaliert hat, und dich mehr oder minder fragt, ob dir über Nacht eine Pussy gewachsen ist, dann … Ja, auch wenn ich weiß, dass Brown empathisch wie eine Klobürste und für seine verbalen Aussetzer berüchtigt ist, nehme ich das persönlich.
Cholerisches Arschloch.
Ich arbeite mir den Hintern ab, um im Nationalteam zu landen, und trainiere härter als jeder andere in diesem Team, nur um mich von einem scheinbar chronisch untervögelten Mittvierziger anschreien zu lassen. Wie es aussieht, bin ich derjenige, der einen an der Klatsche hat …
Jemand rempelt mich von der Seite an und eine kalte Flüssigkeit sickert durch die Jeans auf meinen Oberschenkel. Ich unterdrücke ein Knurren, schließe die Augen und presse stattdessen den Kiefer aufeinander.
Es war ein Fehler, auf diese Party zu gehen. Vielleicht hätte ich heute einfach im Bett bleiben sollen.
Das Verbindungshaus ist brechend voll, Besoffene fallen um wie Dominosteine und dabei ist es nicht einmal zehn. Auf der Sofalandschaft, die zwei Meter neben uns steht, befummeln sich mehrere Pärchen, als wären sie allein auf der Welt und würden nicht knapp zwanzig Leuten einen Softporno for free präsentieren. Bevor das hier in eine Orgie ausartet und ich Dinge sehe, die ich nicht nochmal sehen will, sollte ich mich vom Acker machen.
»Ich gehe nach Hause«, verkünde ich, kippe den Rest des inzwischen schalen Biers hinunter und stelle den Plastikbecher auf dem Tresen hinter mir ab.
»Ach, komm schon, Carter«, mischt sich Owen Ferguson, ein Kollege aus dem Schwimmteam, ein. Er grinst schief und schlingt seinen Arm fester um die Mitte seiner On-Off-Freundin, die bereits seit zwei Stunden wie eine Klette an ihm hängt. »Die Nacht ist noch jung. Schnapp dir eine willige Braut! Das hilft, den Frust abzubauen.«
Meine Brauen wandern hoch und ich gucke demonstrativ sein Mädchen an. Erst jetzt fällt mir auf, dass Tayrin es war, die mir einen Becher Bier über die Hose gekippt hat.
Danke, aber nein, danke, verdammt!
Der Bass wummert aus den Boxen, der neueste Song von Macklemore hallt durch das Haus und als der DJ die Lautstärke nochmal nach oben dreht, johlt die Menge. Aus der rückwärtig liegenden Küche dringen Anfeuerungsrufe zu uns – vorhin haben sie Kings Cup gespielt. Tayrin lacht schrill über etwas, das eine ihrer Freundinnen zu ihr gesagt hat, kippt gefährlich nach vorn, und Owens Lachen klingt beinahe wie ein Wiehern.
Meine Arme schnellen vor, um Tayrin davor zu bewahren, den Boden zu küssen. Ein Augenrollen kann ich mir nicht verkneifen, als sie meine Wange tätschelt und mir irgendwas, das wohl danke bedeuten soll, zusäuselt. So charmant wie möglich reiche ich die Betrunkene an ihren Freund weiter, der sie sogleich küsst. Schon wieder schwanken die beiden wie eine Nussschale auf offener See. Ich schüttle den Kopf. Es sollte mir egal sein, oder? Nach Coach Browns Aktion und seinen dämlichen Kommentaren bin ich heute einfach nicht in Stimmung für diesen Scheiß. Ein Bier habe ich getrunken, ein zweites wird nicht folgen. Ich möchte morgen trainieren, da am Sonntag ein Wettschwimmen ansteht. Owen wird seine persönliche Bestzeit dieses Wochenende definitiv nicht knacken.
Milo sieht sich um und lehnt sich näher an mich heran. Der Lärm aus Geschrei, Gelächter und Partymucke macht eine Unterhaltung schier unmöglich und befeuert das Pochen hinter meiner Stirn.
»Fergusons Idee ist gar nicht so verkehrt«, schreit mein bester Freund mir ins Ohr. »Schau dich um! Das Semester hat erst angefangen und es sind einige neue, hübsche Ladys dabei.« Sein Blick schweift über die Menge, als wöge er bereits ab, welches Erstsemester-Mäuschen er abschleppt.
Milo ist Footballer und, soweit ich das beurteilen kann, steht er – wie fast alle Sportler am College – hoch im Kurs bei den Frauen.
»Tu dir keinen Zwang an, Leeds«, brülle ich zurück, »doch ich schlafe heute allein in meinem Bett!« Zum Abschied klopfe ich ihm auf den Rücken und drehe mich halb um, damit ich mich durch die Menschen schieben kann. Weder habe ich Lust noch Nerven, mir von einem der Hühner hier ein Ohr abkauen oder vor die Füße kotzen zu lassen. Und um mit einer von ihnen rumzumachen, habe ich heute Abend schlicht zu wenig getrunken. »Wir sehen uns.«
Er grummelt etwas und schiebt sich hinter mir Richtung Haustür. »Spielverderber.«
»Ich bin ein Spielverderber?« Kopfschüttelnd lache ich. »Habe ich gesagt, du musst mich nach Hause begleiten? Nur zur Info, ich habe keine Angst im Dunkeln.«
»Mann, Carter, deine Laune ist heute echt unterirdisch!«
Kaum sind wir durch die Tür, tritt er neben mich, stopft die Hände in die Taschen seiner Jeansshorts und läuft mit mir durch den Vorgarten. Hier draußen sind fast keine Gäste. Ein paar Typen stehen zusammen und rauchen, ein Pärchen knutscht auf der Veranda. Die Party spielt sich im Haus und im Garten dahinter ab, hier vorn könnte man denken, sich in einer gewöhnlichen Vorstadtsiedlung zu befinden.
»Brown ist eine Arschgeige, er wollte dich einfach nur aus der Reserve locken! Diese Mätzchen zieht er doch jedes Jahr ab.«
Die Hand gegen seine Brust schlagend, stoppe ich und starre ihn an. Wut pulst durch meine Adern, meine Muskeln spannen sich an. Mein rationales Ich weiß, dass mein Kumpel Recht hat, jedoch ist mein emotionales anderer Meinung. Milos Miene ist ungerührt, aber ich bemerke das flüchtige Zucken seines linken Mundwinkels. Er glaubt wohl, das ist witzig. Damit bringt er mich echt auf die Palme!
»Für mich steht viel auf dem Spiel!«, schnauze ich ihn an.
Milo rollt die Augen. »Erzähl mir was Neues.«
»Du weißt genau, dass ich liefern muss! Scouts sehen sich bereits nach Nachwuchs um und nächstes Jahr finden die Olympischen Spiele statt!«
»Und du wirst für unser Land dabei sein«, entgegnet er so überzeugt, als würde er mir erklären, dass nach der Nacht der Tag folgt.
Ich atme tief durch und setze mich erneut in Bewegung. »Dein Wort in Gottes Ohr.«
Keine Ahnung, ob ich es schaffe, eine Profikarriere hinzulegen. Doch wenn ich nicht in der nationalen College-Meisterschaft antrete, werde ich nie und nimmer für Olympia ausgewählt werden. Dann bin ich raus. Endgültig. Der Traum meines Dads wird sodann wahr werden: Sein Junge wird sein Leben lang checken dürfen, ob Einfamilienhäuser, Familienbungalows und Garagen korrekt gebaut werden.
Juhu.
Mein absoluter Traumjob.
»Du solltest echt mal wieder jemanden flachlegen«, murmelt Milo und öffnet das Gartentor. »Dann wärst du entspannter.«
Wir treten auf den Bürgersteig hinaus und ich gluckse. »Ist bei dir auch schon länger her, oder?«, stichle ich.
Grinsend tritt Milo rückwärts auf die Fahrbahn. »Wie kommst du darauf? Du bist der mit der miesen Laune.«
Ich bedeute ihm, sich umzudrehen. »Hat dir deine Mom nicht beigebracht, nach links und rechts zu gucken, ehe du die Straße betrittst? Dreh dich um, du Irrer, sonst wirst du noch versehentlich überfahren!«
Als wäre er eine Primaballerina, macht er eine Pirouette – bei einem Kerl, der eins neunzig groß ist und hundert Kilo wiegt, sieht das einfach zum Schießen komisch aus.
Anschließend hakt er sich bei mir unter und klimpert übertrieben mit den Wimpern. »O Braxton, ich wusste schon immer, dass du mich liebst«, säuselt er mit hoher Stimme.
Damit bringt er mich zum Lachen. Ich stoße gegen seine Schulter und wir albern herum, während wir die Straße überqueren.
»Wenn wir schon nicht auf der Party bleiben, spielen wir zu Hause wenigstens noch eine Runde Xbox«, quengelt er, sowie wir auf der gegenüberliegenden Seite den Bürgersteig betreten. »Alter, es ist nicht mal halb elf! Meine Granny bleibt länger auf als ich.«
»Bin ich dein Dad? Mir doch egal, wann du …« Der Rest des Satzes verliert sich zwischen Gehirn und Mund, denn im Augenwinkel bemerke ich etwas, das irgendwie nicht ins Bild passt.
Nur einen Meter von uns entfernt befindet sich ein Mädchen. Regungslos. Seine Finger sind ineinander verkrampft, die Augen geweitet, die Haltung kerzengerade. Milo läuft weiter in Richtung unserer Straße und plappert vor sich hin. Es scheint, als hätte er gar nicht bemerkt, dass hier jemand wie festgewachsen steht. Meine Schritte geraten ins Stocken, mein Herz krampft sich zusammen. Ich kenne die junge Frau nicht, jedoch erinnert sie mich an meine kleine Schwester Quinn.
»Alles okay bei dir?«, frage ich leise.
Sie blinzelt nicht mal. Jetzt, da ich näher an sie herangetreten bin, bemerke ich, wie blass sie im fahlen Schein der Laterne wirkt.
»Hey«, beginne ich nochmal, dieses Mal lauter, und weil sie nicht reagiert, lege ich die Hand vorsichtig auf ihren Unterarm. Ihre Haut ist kalt und klamm. »Geht es dir gut?«
Sie zuckt zusammen, ihr Blick löst sich von dem blauen Haus vor uns, springt zu mir. Ihre Augen scannen mein Gesicht, als denke sie nach, ob sie mich kennt.
»Brauchst du Hilfe?«
»Äh … nein, alles okay.« Ihre Stimme klingt rau, als hätte sie lang nicht mehr gesprochen, und sie macht eine Bewegung zur Seite, sodass meine Hand abrutscht. Die Spannung weicht jedoch nicht aus ihren Muskeln.
»Bist du sicher …«
Bevor ich ausreden kann, dreht sie sich um und entfernt sich mit energischen Schritten. Sie verschwindet aus dem Schein der Laterne, wird von der Dunkelheit verschluckt, steht kurz darauf im Lichtkegel der nächsten Straßenleuchte. Perplex sehe ich ihr hinterher.
Was zum Teufel war das gerade?
Eine Hand knallt gegen meinen Brustkorb. »Hast du die Kleine verschreckt?« Milo lacht, seine blaugrauen Augen funkeln vergnügt. »Was hast du die letzten Wochen über eigentlich getrieben? Du bist eingerostet. Sowas von eingerostet, Mann.«
Ohne auf Milos Neckereien einzugehen, starre ich ihr nach. Sollte ich ihr nachgehen? Es ist duster, sie ist allein. Der Campus gilt zwar als sicher, aber …
»Glaubst du, sie kommt gut nach Hause?« Ich schaue weiter in die Richtung, in die sie nun geht. Ihr blondes Haar, das sie zu einem Dutt auf ihrem Oberkopf aufgetürmt hat, wippt bei jedem ihrer immer schneller werdenden Schritte. Jetzt sieht es fast so aus, als würde sie rennen.
»Kennst du sie?«
»Noch nie gesehen«, muss ich zugeben.
Das Semester hat erst diese Woche begonnen, es gibt hier viele neue Gesichter.
Milos Brauen schieben sich zusammen und er öffnet den Mund, schließt ihn wieder. Sein Blick gleitet von mir zu dem Mädchen und zurück. Als er zum zweiten Mal zum Reden ansetzt, meint er: »Ich befürchte, das mit Brown hat dich härter erwischt, als ich angenommen habe.«
Wie aufs Stichwort spüre ich den Muskelkater in meinen Armen und im oberen Rücken. Ich ächze, fahre mir mit allen Fingern durchs dunkle Haar; diese Erinnerung hätte ich nicht gebraucht. Danke.
Unmittelbar vor einem Gebäude, das ich von hier aus als das Freeman-Wohnheim ausmachen kann, bleibt sie stehen, als zögere sie. Dann hüpft sie vor und zieht die Tür auf. Eigenartig. Trotzdem durchströmt mich etwas, das sich warm und befreiend und damit ziemlich nach Erleichterung anfühlt, als sie durch die großen Flügeltüren tritt und von dem Backsteingebäude verschluckt wird.
»Lass uns nach Hause gehen«, murmle ich und schenke meinem Kumpel ein Grinsen, als wäre das gerade eben keine Begegnung der dritten Art gewesen. »Ich muss dich fertig machen.«
Milo lacht schnaubend. »Das werden wir ja sehen!«
Das Buch erscheint am 25.01.2026
